schwarzweiß.

welcome to utopia.

Ich kann hier nicht meine komplette Lebensgeschichte aufführen. Ich habe zu viele solcher bemitleidenswerten Geschichten gelesen, als dass ich es nun wagen könnte, eben eine solche zu verfassen. Wahrscheinlich würden Ausschweifungen. Möglichkeiten und Gedankespiele auch zu viel Platz einnehmen - Platz, den ich hier nicht finden werde. Die Enge lässt keinen Freiraum für den Wahnsinnigen.

Hier wird lediglich die Geschichte der Obsessionen seinen Raum für sich finden können. Den Raum, den sie in meinem Leben nun nicht mehr haben kann, werde ich ihr hier trotz allem anbieten, in der Hoffnung, dass sie ihn dankend annimmt.

Ist die Geschichte eine ‘klassische’ Geschichte, einer Bulimie? 

Ich kann nicht sagen, wann es begonnen hat. Wahrscheinlich bekam ich einen kleinen Teil des Problems schon mit der Muttermilch. Meine Mutter hatte auch einige Probleme mit dem Essen, vielleicht Sportbulimie, später EDNOS, nun Binge Eating?
Bis zur Pubertät war ich unheimlich dünn, alle sagten, ich viel sei zu dünn und meine Mutter solle dafür sorgen, dass ich zunehme. Ich aß allerdings unheimlich viel und auch gerne, ich hatte schon damals einige recht perverse Angewohnheiten und Vorlieben. Ich war allerdings sehr aktiv, fast schon ein wenig hyperaktiv. Meine Mutter nahm mich und meine Schwester schon mit 7 oder 8 manchmal mit in das Fitnessstudio. Ich fuhr dort stundenlang auf dem Rad, während sie im Hinterzimmer mit anderen Frauen dem Teufel auf dem Fahrrad davon fuhr.

Das erste mal Erbrechen.
Diese Enge machte mich wahnsinnig. Wie kommt ein 11. Jähriges Mädchen auf diese Idee?
Es war im Sommer kurz vor meinem 12. Geburtstag, als ich mich nach dem Mittagessen über das Klo lehnte, fest entschlossen mich aus der Enge zu befreien. Die Suppe, die Möhren - mein Mittag verschwand in unserem Abfluss.
Befreiung. Atmen können. Ruhe.
Die Enge ließ mich los. Ich konnte etwas, was meine Familie nicht konnte, ich hatte Kontrolle - niemand konnte mich darin kontrollieren.
Zwei Wochen lang erbrach ich mich so.
Und dann, ganz schlagartig, kein Einziges mal mehr.

So blieb es lange.
Phasen, in denen ich viel erbrach und Phasen, in denen ich nicht einmal daran dachte, ich vergas es regelrecht einfach es verschwand vollkommen aus meinem Kopf.
Heute denke ich , dass ich es gut verdrängte.

Ein halbes Jahr nach der Trennung meiner Eltern, mit 14, wurde ich Vegetarier. Dadurch nahm ich schnell ca. 5 Kilo ab. Ich bekam gefallen daran, zumal ich vorher arg zugenommen hatte und nun schon fast an ein Übergewicht grenzte.
So beschloss ich, weiter abzunehmen. Ich weiß nicht mehr wie, aber ich nahm innerhalb von ca. 4 Monaten fast 17 Kilo ab. Natürlich wurde dieser Gewichtsverlust bemerkt, aber ich sah nicht krank aus, und war noch nicht untergewichtig. Somit blieb mein Essproblem unentdeckt. Dann stoppte meine Abnahme und kurz danach zogen wir um.
Nach dem Umzug - Ängste, Depressionen, Psychiatrie. Die ganze Nummer. Dan wieder Umzüge, Umzüge, Umzüge… ruhelose Suche, rastlose Flucht.
Ich kam letztendlich wieder bei meiner Mutter an. Nun war ich 18.
Bis hierhin hatte mein Essproblem noch einen für sich begrenzten Raum, den es oft zerstörerisch für sich nutzte.
Hungertage hatte sich bereits eingeschlichen. Ich fühlte mich stark und kontrollierend, wenn ich es schaffte, 3 Tage nicht zu essen. Die darauf folgenden Essanfälle wurden größer, die Auswahl an bevorzugten FA-Lebensmitteln spezialisierte sich.
Im Sommer, in dem ich zu meiner Mutter zog, nahm ich wieder ab. War nun wieder an der Grenze zum Untergewicht, wenn auch nicht so nah wie mit 14.
Aus der Angst, zuzunehmen und den gleichzeitig immer wieder kehrenden Fressanfällen fand meine Schwachstelle, mein Problem die Kraft, seine Grenzen zu überwinden. Das Ritual der Anfälle mit anschließendem Erbrechen schlich sich immer mehr in den Alltag ein, übernahm ihn schließlich ganz für sich. Alles wurde schwarz um mich herum. Essen und Erbrechen regierte den Alltag.

Und weiter?
Nun, ich überlebte.
Ich kämpfte, ich ging vorwärts.
Heute kann ich nicht sagen, ich sei gesund. Aber feststeht, dass ich meine Schwachstelle kenne und sie so gut es eben geht in ihre Schranken zu weisen versuche.
Der Weg ist noch lang, aber ich habe ein großes Stück schon hinter mich gebracht.

Heute, über ein Jahr nachdem ich diesen Text verfasst habe bin ich dem Weg weiter gefolgt und bin in einer mir bisher unbekannten Umwelt gelandet. Die ES nimmt zunehmend weniger Platz in meinem kleinen Leben ein. Oft denke ich an sie, denke über Gewicht nach, und meinen Körper, aber ich lebe, ich lebe MIT ihr. Es sind nur Gedanken, sie werden mich nicht in die Knie zwingen. Die Gegend hier gefällt mir ganz gut, ich denke, hier werde ich bleiben können.





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